Ich bin 79 – und mein größter Luxus ist Zeit
10. Dezember 2025Ich bin 79 Jahre alt und lebe allein in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung am Stadtrand. Früher habe ich zwölf Stunden am Tag in einer Fabrik gestanden, Schichtarbeit, immer der gleiche Lärm. Wir hatten wenig Geld, aber viele Träume. Heute ist es genau andersherum: Die Rente reicht, die Wohnung ist warm – aber die Tage sind manchmal lang und still.
Mein größter Luxus ist Zeit. Zeit, die mir früher immer gefehlt hat. Ich kann morgens in Ruhe meinen Kaffee trinken, ohne zu hetzen. Ich kann alte Fotos anschauen, so lange ich will. Und doch ertappe ich mich dabei, wie ich mir manchmal wünsche, jemand würde einfach klingeln und sagen: „Komm, wir gehen ein Stück spazieren.“
Die jungen Leute reden viel von Freiheit. Ich gönne ihnen das. Aber ich wünschte, sie würden verstehen: Auch wir Alten haben Geschichten, die noch niemand gehört hat. Wenn mir im Bus ein junger Mensch seinen Platz anbietet und mich dabei wirklich anschaut – nicht nur über mich hinweg – dann fühlt sich das an, als wäre ich für einen kurzen Moment wieder ein Teil der Welt und nicht nur eine Nummer im Rentensystem.
Vielleicht ist das im Alter das Wichtigste: nicht die Höhe der Rente, sondern das Gefühl, noch gesehen zu werden.

