Mit dem Start-Stopp-System fing es an – jetzt greift ein weiterer Assistent ins Fahren ein, und komplett ausschalten lässt er sich nicht mehr.
2. Dezember 2025Wer heute einen neuen Wagen kauft, bekommt nicht mehr nur Motor, Lenkrad und ein paar Airbags. Serienmäßig eingebaut sind inzwischen elektronische Helfer, die ständig mitfahren: Sie überwachen die Straße, vergleichen unsere Geschwindigkeit mit den Tempolimits und melden sich automatisch, sobald der Motor läuft. Ob wir das wollen oder nicht – ein unsichtbares System entscheidet bereits mit, wie wir fahren. Komplett abschalten lässt es sich nicht.
Besonders Fahrer von Fahrzeugen, die seit Juli 2024 in der EU neu zugelassen wurden, kennen das: Man drückt ein wenig zu viel aufs Gas, schon leuchtet das Display, ein Signalton ertönt, und das Fahrpedal reagiert plötzlich träger. Man hat kurz das Gefühl, als hätte jemand anders ins Lenkrad gegriffen.
Dieser „Jemand“ ist ein ganzes Paket an Assistenzsystemen, allen voran ISA – der Intelligente Geschwindigkeitsassistent. Er nutzt Frontkameras, digitale Karten und GPS-Daten, um zu erkennen, welches Tempolimit gerade gilt. Wird die erlaubte Geschwindigkeit überschritten, warnt ISA mit Symbolen oder Ton – oder verhindert in einer strengeren Einstellung, dass der Wagen weiter beschleunigt.
Pflichtausstattung ab Juli 2024
Seit dem 7. Juli müssen alle neuen Pkw in der EU mit einem System ausgerüstet sein, das vor zu hoher Geschwindigkeit warnt. Ziel dieser Vorgabe ist klar: weniger Unfälle, mehr Aufmerksamkeit am Steuer. Die Fahrzeuge vergleichen daher nahezu permanent die aktuelle Geschwindigkeit mit der jeweils erlaubten.
Parallel dazu sind noch weitere Assistenten vorgeschrieben oder weit verbreitet: Spurhaltewarner, Notbremsassistent bei drohender Kollision, Systeme zur Erkennung von Fußgängern und Radfahrern sowie Müdigkeits- und Aufmerksamkeitskontrolle. Auf dem Papier ergibt das ein zusätzliches Sicherheitsnetz. In der Realität haben aber viele Fahrer das Gefühl, dass sie unter Dauerbeobachtung stehen – und dass die Technik nicht immer zu der komplexen Verkehrssituation passt.
Vom Hinweis zum Eingriff
Im „soften“ Modus beschränkt sich ISA auf Hinweise: ein Ton, ein Symbol, vielleicht ein farblich markierter Tacho. Das kann zwar nervig sein, beeinflusst das Fahrverhalten des Autos aber noch nicht direkt.
Anders sieht es aus, wenn das System strenger eingestellt ist. Dann verändert es die Gasannahme, das Pedal fühlt sich plötzlich widerspenstig an. Wer beispielsweise gerade überholen oder auf die Autobahn auffahren will, drückt das Gaspedal – doch das Auto beschleunigt weniger spontan als erwartet. Kommen dann noch unklare Beschilderungen, Baustellen oder falsch erkannte Schilder dazu, entsteht schnell der Eindruck, man kämpfe mehr mit der Assistenz als mit dem Verkehr.
Einmal an, immer an
Die meisten Hersteller bieten im Menü verschiedene Einstellungen für ISA an. Man kann Warnungen reduzieren oder die Eingriffe etwas abschwächen. Was jedoch nicht vorgesehen ist: das System dauerhaft zu deaktivieren. Nach jeder neuen Fahrt, teilweise sogar nach jedem Motorstart, ist der Assistent wieder aktiv – so schreiben es die Regeln vor.
Viele Fahrer klicken sich deshalb jeden Morgen erneut durch verschachtelte Menüs, um die Eingriffe zu dämpfen. Bei manchen Modellen ist die Option gut versteckt oder missverständlich benannt, und oft ist nicht auf den ersten Blick erkennbar, welcher Modus gerade läuft. Klar ist nur eines: Das Fahrzeug geht grundsätzlich davon aus, dass „mehr Hilfe“ sicherer ist als weniger.
Nutzen ja – aber nicht um jeden Preis
Trotz aller Kritik: Ganz nutzlos sind diese Systeme nicht. Sie können helfen, Bußgelder zu vermeiden, entlasten auf langen Strecken und sind für Fahranfänger oder übermüdete Fahrer ein echter Sicherheitsgewinn. Wenn Kartenmaterial und Schildererkennung korrekt sind und die Einstellungen sinnvoll gewählt werden, kann die Fahrt tatsächlich entspannter werden.
Problematisch wird es dort, wo die Technik zu dominant wird. Dauerndes Piepen, Vibrationen im Lenkrad, Warnungen bei jedem leicht überschrittenen Limit und das Gefühl, dass das Auto genau dann abbremst, wenn man Leistung braucht – all das erzeugt Frust und mentale Ermüdung. Für viele ist nicht der Warnton selbst das Belastende, sondern die Wahrnehmung, die Kontrolle über das eigene Fahrzeug zu verlieren.
Genau hier liegt der Kern der Debatte: Wie weit soll Unterstützung gehen, bevor sie sich wie Bevormundung anfühlt? Die nächsten Jahre werden zeigen, ob sich Fahrer an den „elektronischen Beifahrer“ gewöhnen – oder ob Hersteller und Gesetzgeber die Balance zwischen Sicherheit und Fahrgefühl neu justieren müssen.

